Konstantin der Große

Der eigentliche Name Konstantins lautete Flavius Valerius Constantinus. Er wurde wahrscheinlich im Jahr 285 n. Chr. in Naissus (dem heutigen Niš in Serbien) geboren. Sein Vater war Constantius Chlorus, ein Offizier, der unter Kaiser Diokletian Karriere machte und später selbst Teil der Tetrarchie wurde. Seine Mutter war Helena, die später in der christlichen Tradition als Heilige verehrt wurde. Ihre Herkunft war einfach; möglicherweise stammte sie aus bescheidenen Verhältnissen. Gerade diese familiäre Konstellation – militärisch-politische Macht auf der einen Seite, religiöse Prägung auf der anderen – sollte Konstantins Leben nachhaltig beeinflussen.
Bereits in jungen Jahren hielt sich Konstantin am Hof des Kaisers Diokletian auf. Dort erhielt er eine sorgfältige militärische und politische Ausbildung. Zugleich wurde er Zeuge der sogenannten Diokletianischen Christenverfolgung, der letzten und schwersten Verfolgungswelle gegen Christen im Römischen Reich (ab 303 n. Chr.). Kirchen wurden zerstört, heilige Schriften verbrannt, Christen aus Ämtern entfernt und teilweise hingerichtet. Konstantin erlebte also aus unmittelbarer Nähe, wie sehr Religion zur politischen Frage werden konnte. Ob diese Erfahrungen bereits früh Sympathien für die Christen weckten oder ob sie ihn eher politisch sensibilisierten, bleibt in der Forschung umstritten.
Um das Jahr 300 n. Chr. wurde Konstantin mit Fausta verlobt, der Tochter des Kaisers Maximian. Diese dynastische Verbindung sollte seine Stellung im Machtgefüge der Tetrarchie stärken. Dennoch hatte Konstantin bereits zuvor einen Sohn mit seiner Konkubine Minervina: Crispus. Dieser Sohn sollte später eine bedeutende Rolle spielen, bevor er unter tragischen Umständen in Ungnade fiel.
Als Diokletian und Maximian 305 n. Chr. wie vorgesehen abdankten, wurde das System der Tetrarchie neu geordnet. Konstantin jedoch wurde bei der Bildung der zweiten Tetrarchie übergangen. Der neue Augustus im Osten, Galerius, hielt ihn gewissermaßen als politischen Pfand am Hof. Konstantin entschloss sich schließlich zur Flucht und begab sich zu seinem Vater nach Britannien. Als Constantius Chlorus 306 in Eboracum (York) starb, riefen die dort stationierten Truppen Konstantin am 25. Juli 306 zum Augustus aus. Diese Ausrufung durch das Heer entsprach der römischen Tradition, stellte jedoch das tetrarchische System infrage. Galerius erkannte Konstantin lediglich als Caesar an – ein Kompromiss, der die Spannungen jedoch nicht auflöste.
Während Konstantin im Westen gegen Franken und Alamannen kämpfte und seine militärische Basis festigte, kam es in Italien zu einer weiteren Machtverschiebung: Maxentius, der Sohn Maximians, ließ sich 306 in Rom zum Kaiser ausrufen. Auch Maximian selbst griff erneut nach der Macht. Zwischen den verschiedenen Kaisern entbrannten komplexe Rivalitäten. Auf der Konferenz von Carnuntum im Jahr 308 wurde versucht, die Ordnung wiederherzustellen. Konstantin wurde offiziell zum Caesar zurückgestuft, Maximian und Maxentius ausgeschlossen. Doch Konstantin akzeptierte diese Entscheidung nicht dauerhaft und führte weiterhin den Titel Augustus.
Die politische Lage blieb instabil. Maximian suchte zunächst Schutz bei Konstantin, wurde jedoch 310 in Marseille wegen Hochverrats hingerichtet. Um seine eigene Legitimität zu stärken, reklamierte Konstantin eine fiktive Abstammung vom angesehenen Kaiser Claudius Gothicus. Solche genealogischen Konstruktionen waren im römischen Kaisertum nicht ungewöhnlich, denn Legitimation durch Tradition spielte eine zentrale Rolle.
Im Jahr 311 starb Galerius, kurz nachdem er ein Toleranzedikt erlassen hatte, das den Christen die Ausübung ihrer Religion erlaubte. Dieses Edikt markierte einen Wendepunkt: Die brutale Verfolgungspolitik wurde offiziell beendet. Konstantin erkannte die Chance, sich als Garant religiöser Stabilität zu profilieren.
Der entscheidende Moment seiner Karriere war der Feldzug gegen Maxentius im Jahr 312. Mit Billigung des Licinius marschierte Konstantin nach Italien und erreichte schließlich Rom. Am 28. Oktober 312 kam es zur berühmten Schlacht an der Milvischen Brücke. Maxentius ertrank im Tiber, Konstantin zog als Sieger in Rom ein.

Um diese Schlacht ranken sich zahlreiche Legenden. In der christlichen Überlieferung (Laktanz, Euseb) wird davon berichtet, dass sich Konstantin mit der Bitte um den Sieg an den Christengott gewandt haben soll. Wie groß der Wahrheitsgehalt dieser Aussage sein mag, lassen wir dahingestellt. Fakt ist aber, dass in der Inschrift am Konstantinsbogen, der zu Ehren von Konstantins Sieg über Maxentius errichtet worden ist, die Formulierung INSTINCTV DIVINITATIS MENTIS („durch Eingebung des Geistes der Gottheit“) auftaucht. Diese bewusste Vermeidung der Nennung einer bestimmten Gottheit lässt alle Möglichkeiten offen. Konstantin war von jeher dem Henotheismus zugetan. Er verehrte zunächst Apollo als seinen persönlichen Schutzgott, später Sol Invictus. Auch der Konstantinsbogen steht in geographischer Verbindung zum Sol Invictus. Beim Durchschreiten des Bogens Richtung Forum blickte man auf die Kolossalstatue, die Kaiser Nero in seiner Domus Aurea hatte aufstellen lassen (und von der das Kolosseum seinen Namen hat). Diese Statue zeigte den Kaiser als Sol Invictus. Die axiale Ausrichtung des Bogens auf diese Statue gibt vielleicht einen Hinweis auf die wahre Bedeutung des in der Inschrift genannten „instincu divinitatis mentis“. (Mehr über die Beziehung des Konstantin zu Sol Invictus in Sebastian Buck: Mithras. Geschichte einer Gottheit, S. 112ff.)
Fakt ist ebenso, dass Konstantin in der Folgezeit zunehmend Politik für die Christen macht. 313 n.Chr. einigt er sich mit Licinius auf ein religionspolitisches Programm, das für für die heidnischen Kulte und auch für das Christentum Religionsfreiheit vorsah, aber den christlichen Gemeinden besonders entgegen kam. In Rom stiftet Konstantin die Laterankirche. Im östlichen Reichsteil setzte Licinius die Maßgaben des Abkommens ebenfalls um. Lediglich in Nordafrika gab es Schwierigkeiten, da sich dort die Donatisten von der Mutterkirche abgespalten hatten. Konstantin lag viel daran, die Einheit der Christen zu wahren, daher berief er im Jahr 314 n.Chr. eine Synode der westlichen Bischöfe nach Arles, bei der sich die donatistischen Bischöfe allerdings nicht unterwarfen. In der Folgezeit kam es immer wieder zu Unruhen, die sogar donatistische Märtyrer hervorbrachten. 321 n.Chr. schließlich sieht sich Konstantin gezwungen, den Donatisten eine bedingte Duldung zu gewähren.
Während dieser Jahre hat Konstantin die Kirche mit immer mehr Rechten und Privilegien ausgestattet und u.a. den Sonntag zum staatlichen Feiertag erklärt. Bei alldem wurde das Heidentum aber nicht durch staatliche Reglementierung beschränkt, sondern konnte ungehindert neben dem Christentum bestehen.
Es gab mehrere Konflikte zwischen Konstantin und seinem Mitkaiser Licinius. Augenfällig wird dies z.B. anhand der Münzprägung. Während Konstantin christliche Symbole prägen ließ, war Licinius stark im Heidentum verwurzelt. Außerdem gab es seit 321 n.Chr. keine einheitliche Ernennung der Konsuln mehr. Die Konflikte zwischen den Herrschern wurden auch als Religionskrieg ausgetragen. Im Jahr 324 n.Chr. besiegte Konstantin Licinius und ließ ihn als Staatsfeind hinrichten. Damit war Konstantin Alleinherrscher, was z.B. auch in der prunkvolleren Ausschmückung des Hofzeremoniells niederschlug.
Da die Christenheit immer schärfer werdende Auseinandersetzungen mit der Gruppierung der Arianer führte, bei denen es um die Trinitätslehre ging, sah sich Konstantin genötigt, erneut ein Konzil einzuberufen. Diese Synode aller Bischöfe trat 325 n.Chr. in Nicäa zusammen und belegte Arius mit dem Kirchenbann.
330 n.Chr. wurde das alte Byzantium als Konstantinopel als neue Hauptstadt des Imperiums und kaiserliche Residenz geweiht. Die Verlegung des Zentrums des Reichs in die hellenistisch-christliche Welt macht sein Interesse an ihr deutlich.
Erst kurz vor seinem Tod ließ sich Konstantin taufen. 337 empfing er die Taufe – möglicherweise aus der damals verbreiteten Überzeugung heraus, die Taufe möglichst spät zu empfangen, um möglichst viele Sünden zu tilgen. Er starb im selben Jahr und wurde in einem Mausoleum bei der Apostelkirche in Konstantinopel beigesetzt.
Konstantins Bedeutung liegt nicht nur in militärischen Erfolgen, sondern vor allem in der Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Kirche. Mit ihm beginnt eine Epoche, in der das Christentum vom verfolgten Glauben zur tragenden Kraft des Imperiums aufstieg. Seine Politik war dabei weniger Ausdruck einer plötzlichen religiösen Überzeugung als vielmehr eines komplexen Zusammenspiels aus persönlicher Frömmigkeit, politischem Kalkül und historischer Chance.
Konstantin bleibt eine ambivalente Gestalt: Machtpolitiker und Kirchenförderer, Traditionsbewahrer und Neuerer zugleich. Doch ohne ihn wäre die Geschichte Europas – politisch wie religiös – kaum denkbar.
Zeittafel
Biographische und historische Daten
um 285: Konstantin wird als Sohn von Constantius Chlorus und Helena in Naissus (heutiges Niš / Serbien) geboren.
306: Nach dem Tod seines Vaters wird Konstantin in Britannien von den Truppen zu dessen Nachfolger ausgerufen. Er übernimmt die Residenz in Trier.
307: In Trier erhält Konstantin von Kaiser Maximian den Titel Augustus zuerkannt und heiratet dessen Tochter Fausta.
312: Konstantin besiegt seinen Rivalen Maxentius in der Schlacht an der Milvischen Brücke vor Rom und wird zum alleinigen Herrscher des westlichen Teils.
313: Zusammen mit Licinius, dem Kaiser des Ostens, gibt Konstantin die Vereinbarung von Mailand – das so genannte Toleranzedikt von Mailand – bekannt. Dieses garantiert den Christen und allen anderen Glaubensgemeinschaften Religionsfreiheit.
324: Konstantin siegt über die Truppen des Licinius und wird zum alleinigen Herrscher über das Römische Reich.
330: Konstantinopel (heutiges Istanbul) wird als neue Hauptstadt des Reiches eingeweiht.
337: Nachdem er sich noch auf dem Sterbebett taufen lässt, stirbt Konstantin in der kaiserlichen Villa von Ankyrona bei Nikomedia (heutiges Izmit/Türkei).


