Das christliche Weihnachtsfest

Hintergründe und Fakten

Das christliche Weihnachtsfest gehört heute zu den bedeutendsten und weltweit am weitesten verbreiteten Festen. Doch hinter der vertrauten Erzählung von Stall, Krippe und Stern verbirgt sich eine komplexe historische und theologische Entwicklung. Wer sich mit den Hintergründen des Weihnachtsfestes beschäftigt, stellt schnell fest, dass viele der heute selbstverständlichen Vorstellungen nicht unmittelbar aus der Bibel stammen, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Auslegung, Tradition und kultureller Ausgestaltung sind.

Woher wissen wir überhaupt von der Geburt Jesu?

Die Geburt Jesu wird im Neuen Testament lediglich im Matthäus- und im Lukasevangelium erwähnt. Beide erzählen in sehr unterschiedlicher Weise davon und setzen eigene Schwerpunkte.

Lukas erzählt von der Verkündigung an Maria, von der Reise nach Bethlehem aufgrund einer Volkszählung, von der Geburt in einer Krippe und von den Hirten auf dem Feld, denen Engel die Geburt des Retters verkünden. Matthäus hingegen berichtet nichts von einer Volkszählung oder von Hirten, sondern erzählt von den Magiern aus dem Osten, vom Stern, vom Besuch bei Herodes und von der Flucht nach Ägypten. Bereits dieser Vergleich zeigt: Es handelt sich nicht um zwei identische historische Berichte, sondern um theologisch geprägte Deutungen desselben Glaubensgeheimnisses.

Auffällig ist zudem, dass die beiden anderen Evangelien – das Markus- und das Johannesevangelium – keinerlei Angaben zur Geburt Jesu machen. Markus beginnt sein Evangelium mit der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. Johannes wiederum setzt mit einem hochtheologischen Prolog ein: „Im Anfang war das Wort.“ Für diese beiden Evangelisten ist nicht die biologische Geburt entscheidend, sondern das öffentliche Wirken Jesu und seine göttliche Sendung. Auch außerbiblische Quellen aus dem ersten Jahrhundert erwähnen keine Details zur Geburt. Daraus wird deutlich, dass die frühe christliche Verkündigung zunächst stärker auf Kreuz und Auferstehung konzentriert war als auf die Kindheitsgeschichte.

Wann wurde Jesus wirklich geboren?

"... es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. " (Lk 2,1-2)

"... Als nun Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem...“ (Mt 2,1)

Lukas verortet die Geburt Jesu in der Regierungszeit des römischen Kaisers Augustus. Dieser hat von 27 v. Chr. bis 14 n. Chr. regiert. Um diesen großen Zeitraum noch ein wenig einzugrenzen, erwähnt Lukas zudem noch Quirinius, den Statthalter der römischen Provinz Syrien. Hier wird die zeitliche Bestimmung schon etwas schwieriger. Publius Sulpicius Quirinius wurde um das Jahr 45 v. Chr. in Lanuvium (eine Stadt in Latium) geboren. Nachweislich war er Statthalter von Syrien erst im Jahr 6 n. Chr. Ob er bereits zuvor in Syrien tätig war, ist ungeklärt.

Matthäus macht keinerlei Angaben zur Verortung der Geburt Jesu innerhalb der römischen Geschichte, sondern verankert sie fest in der jüdischen Geschichte. Matthäus datiert die Geburt Jesu in die Regierungszeit des Königs Herodes. Dieser allerdings ist im Jahr 4 v. Chr. gestorben.

Unsere heutige Zeitrechnung stammt übrigens aus dem sechsten Jahrhundert n. Chr. Der in Rom lebende Mönch Dionysius Exiguus datierte damals die Geburt Jesu auf das Jahr 754 ab urbe condita (nach der Stadtgründung Roms). Auch gibt es bei ihm nicht das Jahr „0“. Auf das Jahr 1 v.Chr. folgt direkt das Jahr 1 n. Chr.

Bleibt also festzuhalten, dass das genaue Geburtsjahr Jesu aus heutiger Sicht nicht zu benennen ist. Man muss sich mit der Aussage begnügen, dass Jesus vermutlich in den letzten Jahren v. Chr. geboren wurde.

Wer waren die Heiligen Drei Könige?

"... als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.“ (Mt 2,1-2)

Anbetung der Magier - Ravenna

Ein besonders populärer Bestandteil der Weihnachtsgeschichte sind die sogenannten Heiligen Drei Könige.

Im Matthäusevangelium findet sich der einzige Hinweis auf die Anbetung des Jesuskindes durch Personen aus dem Orient. Dort ist die Rede von μαγοι απο ανατολων - am ehesten zu übersetzen mit „Magier aus dem Osten“. Als μαγοι - Magier wurden Priester bezeichnet, die im mittleren Orient (Babylon, Medien, Persien) unter Aufnahme babylonischer Riten, bes. der Astrologie, das Religionssystem des Zarathustra unter Berücksichtigung der primitiven Kulte propagierten, die in der Volksfrömmigkeit noch latent waren. Einer dieser alten Kulte war der Mithraskult (vgl. zu den Magiern auch unseren Artikel zum Mithraskult!). Xenophon (Kyrop. IV 5,14) berichtet zudem davon, dass die μαγοι in Babylonien eine hohe Stellung als Staatsbeamte innehatten. Auch Xenophon weiß davon, dass es sich bei der Lehre der Magier v.a. um Astrologie gehandelt hat.

Von Anfang an wurden die μαγοι immer stereotyp dargestellt: Sie tragen Hosen, wehende Umhänge und ihr Kopf ist von einer sogenannten Phrygischen Mütze bedeckt. Es handelt sich dabei um eine klischeehafte Darstellung. Alle diese Merkmale sollen sie als Nicht-Römer, bzw. Nicht-Griechen kennzeichnen. Insbesondere die Phrygische Mütze gilt als Zeichen der Herkunft aus dem Osten.

Dennoch fällt auf, dass in den Darstellungen eine starke Nähe zu den Darstellungen des Mithras auf den Mithraskultbildern besteht. Wahrscheinlich besteht hier doch ein engerer Zusammenhang, als bislang nachgewiesen.

Jeder von uns kennt die Drei-Königs-Legende von Kaspar, Melchior und Balthasar. Wenn wir aber noch einmal auf den Matthäus-Text blicken, ist dort keine Rede von den Namen der μαγοι. - Es ist nicht einmal die Rede davon, dass es drei sind. Woher kommt diese Zahl also?

In vielen Darstellungen, wie z.B. dem berühmten Mosaik aus Sant' Apollinare Nuovo in Ravenna (vgl. Abb.) stehen die drei μαγοι stellvertretend für die drei Lebensalter. Der mittlere μαγος ist bartlos dargestellt; er symbolisiert die Jugend. Der linke μαγος trägt einen dunklen Bart, der zeigen soll, dass er im besten Mannesalter ist. Der schneeweiße Bart des rechten μαγος zeigt sein fortgeschrittenes Alter.

Auf anderen Darstellungen (meist aus dem Mittelalter) wird einer der drei μαγοι als Farbiger dargestellt. Hier wird deutlich, dass die drei μαγοι stellvertretend für die damals bekannten drei Kontinente Europa, Asien und Afrika, also symbolisch für die gesamte Welt stehen.

Bleibt also festzuhalten, dass die Heiligen Drei Könige im Neuen Testament nicht erwähnt werden. Es ist lediglich von Magiern aus dem Osten die Rede, wobei weder gesagt wird, dass es sich bei diesen um Könige handelt, noch ihre Namen genannt werden. Ebenso wenig taucht die Zahl 3 auf. Es handelt sich also um eine Legende, die in allen Regionen, in denen das Christentum verbreitet ist, Anlass zu phantasievoller Ausschmückung gab. In Deutschland ist beispielsweise der Kölner Dom einzig und allein zu dem Zweck errichtet worden, dem aus Mailand überführten Schrein mit den Reliquien der Heiligen Drei Könige einen angemessenen Raum zu bieten. Aber auch im Orient finden sich Drei-Königs-Legenden: Im ⇒ Tur Abdin (südöstliche Türkei) wird die Kirche von Hah als Ausgangspunkt der Könige aus dem Osten betrachtet.

Warum feiern wir Weihnachten am 25. Dezember?

Die Wahl des 25. Dezember als Weihnachtsdatum hat ebenfalls eine eigene Geschichte. Im Neuen Testament findet sich keinerlei Hinweis auf ein konkretes Geburtsdatum Jesu. In den ersten Jahrhunderten wurde Weihnachten überhaupt nicht gefeiert. Im Zentrum der christlichen Glaubenspraxis stand das Osterfest.

Man darf den 25. Dezember nicht mit dem wirklichen Geburtsdatum Jesu verwechseln. Bereits im Urchristentum war der genaue Tag seiner Geburt unbekannt. Doch bereits im zweiten Jahrhundert n.Chr. erwuchs das Interesse an einem festen Datum, das als Gedenktag dienen sollte.

Erstmalig erwähnt wird der 25. Dezember als Geburtsfest Christi in einem Chronograph von 354, das der christliche Kalligraph Furius Dionysius Philocalus verfasst hat. Dort wird die Geburt Christi auf das Jahr des „Konsulats von C. Caes. Augustus und L. Aemilius Paullus am 25. Dezember, einem Freitag, dem 15. Tag des Mondalters“ datiert. (Augustus und Aemilius Paullus waren die Konsuln des Jahres 1 n.Chr.)

Das christliche Weihnachtsfest wurde nicht zufällig auf den 25. Dezember gelegt. In der Zeit der kürzesten Tage im Jahr wurde in nahezu allen Religionen der Sieg des Lichts über die Finsternis gefeiert. So wurde auch im Römischen Reich der Geburtstag des Sonnengottes Sol Invictus (der seit Kaiser Aurelian zur obersten Gottheit erhoben worden war) am 25. Dezember begangen. Auch die Anhänger der Lichtgottheit Mithras (vielfach mit dem Sol Invictus gleichgesetzt) feierten an diesem Tag den Geburtstag ihres Erlösers (vgl. hierzu unseren Artikel ⇒ Mithraskult). Als das Christentum nun die Oberhand gewonnen hatte, bediente es sich mit Vorliebe solcher Daten, um den früheren Heiden den Übertritt zum Christentum zu erleichtern. (Übrigens entstanden deshalb ja auch viele Kirchen an den Stellen, die früher heidnische Heiligtümer waren)

Fazit

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Das christliche Weihnachtsfest ist das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung. Die biblischen Texte liefern theologisch geprägte Erzählungen, jedoch keine exakten historischen Daten. Das genaue Geburtsjahr Jesu bleibt unsicher. Die Heiligen Drei Könige sind eine spätere legendäre Ausgestaltung der Magiererzählung. Der 25. Dezember ist kein historisches Geburtsdatum, sondern ein symbolisch gewählter Festtermin im Kontext antiker Lichtfeste. Weihnachten ist daher weniger ein historisches Erinnerungsdatum als vielmehr ein theologisches Bekenntnis: Gott wird Mensch, Licht kommt in die Welt. Und gerade diese symbolische Tiefe erklärt, warum das Fest bis heute eine solche kulturelle und spirituelle Kraft besitzt.